ESA-Ministerratskonferenz: Deutscher Astronaut soll zum Mond fliegen – Europas Unabhängigkeit ist Hauptziel

Der Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, Josef Aschbacher, zeigte sich nach der jüngsten Verhandlungsrunde der Ministerratskonferenz hocherfreut. Die 23 Mitgliedsstaaten der ESA einigten sich auf eine Finanzierung in Rekordhöhe: In den nächsten drei Jahren sollen 22,1 Milliarden Euro in die ESA fließen. Dies entspricht einer Steigerung von rund 30 Prozent im Vergleich zur vorangegangenen Finanzierungsrunde und erreicht erstmals das Budget, das sich ein ESA-Direktor im Vorfeld gewünscht hatte. Schon eine Stunde zuvor hatten Aschbacher und die deutsche Raumfahrtministerin Dorothee Bär (CSU) eine bedeutende Ankündigung gemacht: Bis zum Ende des Jahrzehnts soll ein deutscher Astronaut oder eine Astronautin im Rahmen des US-amerikanischen Artemis-Projekts zum Mond fliegen. Damit sollen europäische Astronauten erstmals den erdnahen Orbit der Internationalen Raumstation ISS verlassen. Zum Vergleich: Die ISS schwebt in etwa 400 Kilometern Höhe, während der Mond rund 385.000 Kilometer entfernt liegt, was eine dreitägige Reise bedeutet, berichtet Renewz mit Verweis auf Tagesschau.
Drei Mond-Tickets im Rahmen des Kooperationsprojekts Artemis der NASA gehen an Astronauten aus Deutschland, Frankreich und Italien, wobei der deutsche Teilnehmer zuerst fliegen soll. Das Artemis-Projekt, das US-Präsident Donald Trump bereits 2019 in seiner ersten Amtszeit initiierte, zielt darauf ab, wieder Menschen in Richtung Mond zu bringen, primär zu Forschungszwecken. Langfristig könnte auch der Abbau von Rohstoffen auf dem Mond von Interesse sein. Auch andere Mächte wie Russland und insbesondere China konkurrieren in diesem neuen Rennen zum Mond. Hoffnungen auf das Mond-Ticket dürfen sich vier deutsche Raumfahrer machen. Derzeit gelten der Geophysiker und Vulkanologe Alexander Gerst sowie der Materialforscher Matthias Maurer als aussichtsreichste Kandidaten, da beide bereits auf der ISS waren und zum aktiven ESA-Astronautenteam gehören. Weltraumerfahrung ist eine entscheidende Qualifikation für die Mondmission. Diese fehlt bisher den beiden deutschen Reserve-Astronautinnen, der Biochemikerin Amelie Schoenenwald und der Pilotin Nicola Winter. Da es jedoch noch einige Jahre bis zum konkreten Start der Mondreise dauern kann, könnten auch diese beiden bis dahin ihre nötige Weltraumerfahrung sammeln.
Trotz des Prestiges des Mondfluges liegt die größte Herausforderung für die ESA nicht in der Weltraumerkundung oder in der Erdbeobachtung, bei der Europa weltweit führend ist, sondern in einem übergeordneten strategischen Ziel: der Europäischen Unabhängigkeit. Die Raumfahrt ist kostspielig, und Europa hat sich lange auf die internationale Zusammenarbeit verlassen. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine führte jedoch zum vollständigen Ende der Kooperation mit Russland. Auch die USA gelten unter Trump als sprunghafter Partner. ESA-Generaldirektor Aschbacher betonte, dass man nicht gänzlich unabhängig werden müsse – die NASA bleibe ein wichtiger Partner –, aber man müsse „auf Augenhöhe kommen“. Dieses Ziel bleibt jedoch selbst nach der Rekord-Finanzierung in weiter Ferne, da das NASA-Budget immer noch etwa fünfmal so hoch ist wie das der ESA.
Die Notwendigkeit der Unabhängigkeit hängt auch mit dem sicherheitspolitischen Aspekt zusammen. Sollten die USA beispielsweise die Aufklärungsdaten der NASA oder von SpaceX für die ukrainischen Streitkräfte einstellen, ginge der Ukraine ein zuverlässiges Lagebild verloren. Dieses hohe Sicherheitsrisiko wird durch das Stichwort "Dual Use" in der ESA adressiert: Die Satzungen erlauben friedliche Forschungszwecke und einen Beitrag zur europäischen Sicherheit, schließen aber militärische Angriffsfunktionen aus. So könnten Erdbeobachtungssatelliten der ESA zwar Lagebilder für die Ukraine erstellen, aber keine aktiven Störungen oder Verfolgungen russischer Aufklärungssatelliten durchführen. An dieser Stelle kommt Verteidigungsminister Boris Pistorius ins Spiel, der bis 2030 35 Milliarden Euro in die deutsche Raumfahrtindustrie investieren will, um Deutschland im All verteidigungsfähig zu machen. Deutschland leistet mit 5,1 Milliarden Euro den stärksten Beitrag zum ESA-Budget. Ministerin Bär, die persönlich in Bremen anwesend war, betonte, dass „an Made in Germany in der Raumfahrt kein Weg mehr vorbeiführt“ und Investitionen in die Raumfahrt ein Beitrag zur europäischen Souveränität und Sicherheit seien.
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